300B – Die Königin der Röhren?
Anderen Ortes wird man nicht müde, die 300B ob ihrer klanglichen Fähigkeiten als die „Königin der Röhren“ zu bezeichnen. Ich sehe das nüchterner und lasse derartige Titulierungen weg. Schließlich leben wir in einer Demokratie, nicht in einer Monarchie… Zudem sei die Frage erlaubt: Was sagen wir denn dann zu den großen Senderöhren? Dennoch ist ein Vergleich zwischen verschiedenen 300B reizvoll.
Autor (Text und Bilder): Alexander Aschenbrunner
Um es gleich vorwegzunehmen – es gibt nicht die eine, unter allen Bedingungen beste Röhre – das Klangergebnis resultiert immer aus der Mischung von gegebener Verstärkertechnik (Schaltung, Verdrahtung, Qualität der Sockel, etc.) und Röhrenbestückung. Zudem wird immer gern vom „warmen“ Klang der Röhren geredet; auch das ist mir zu allgemein. Wo kommt diese Meinung her? Nun, dafür sind die Klirrfaktoren der jeweiligen Röhre verantwortlich. Selbige erscheinen dem menschlichen Ohr angenehmer als vom Halbleiter gewohnt. Denn das menschliche Gehör reagiert besonders auf die mittleren bis oberen Frequenzen sehr sensibel - und Röhren erzeugen überwiegend geradzahligen (harmonischen) Klirr (k2, k4,…), die von uns dann als „warm“ oder, richtiger, als “musikalisch“ empfunden werden.
Verschiedene Röhrenhersteller verfolgen verschiedene Klangphilosophien. So klingen die 300B von JJ eher etwas weicher (like oldschool), während die Typen von Electro Harmonix und Sovtek im Vergleich zu einer heutigen Western Electric etwas strammer (oder auch: spröder) klingen. Womit wir gleich beim Erfinder dieser Röhren angekommen sind. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden große Kinovorführungen in den USA immer beliebter und dafür wurden entsprechende Verstärker benötigt. Mit dem „königlichen Klang“ hatte dies zu der Zeit überhaupt nichts zu tun. Western Electric war zu dieser Zeit ein Gigant unter den weltweiten Elektronikherstellern und konzipierte deshalb für die Kinobeschallung einen entsprechenden Verstärker, der unter der Bezeichnung WE-91 in die Firmengeschichte einging. Wie gesagt, auf „Klang“ wurde hier eher weniger Wert gelegt, die Röhren mußten schlichtweg robust sein. Die angeschlossenen Lautsprecher - allesamt Hörner - besaßen allesamt einen Wirkungsgrad von über 100dB und waren deshalb für die zarten sieben Watt einer 300B nie eine Last. Kein Wunder, daß diese Röhrentypen so bis zu 40.000 Stunden Betrieb überleben. Zu dieser Zeit kam auch niemand auf die Idee heutiger highfideler Marketingstrategen, einen 300B Verstärker mit einem Lautsprecher unter 95 dB zu verbinden und anschließend „Klangorgien“ aller Art zu versprechen. Das funktioniert nämlich bis heute immer noch nicht! Begründung? Es ist nichts anderes als grundlegende Physik - und die läßt sich auch mit den besten Marketingsprüchen nicht überwinden.
Selbstverständlich gibt es viel mehr verschiedene 300B-Typen, als die beiden hier vorgestellten. Nur zur Vollständigkeit will ich z.B. noch die japanischen Takatsuki 300B sowie die Sophia 300B erwähnen. Auf die mit 1,5A laufenden Typen von Kron Audio etc. will ich hier ebenfalls nicht näher eingehen – da wird es nämlich recht speziell. An dieser Stelle kann und will ich keine unendliche Auswahl an verschiedenen 300Bs präsentieren – das überstiege im Aufwand und Zeit jedes Maß der Vernunft. Und bitte nicht vergessen: Röhren sind und bleiben Verbrauchsartikel!
Ganz absichtlich stelle ich an dieser Stelle zwei preislich gegensätzliche 300B vor:
Die 300B-N Linlai Meshplate ist eine 300B der ganz besonderen Art. Sie klingt sehr klar strukturiert mit viel Luft in einem schönen Raum und sattem Baß. Eine moderne 300B, die mit Linearität und Präzision zu diesem Preis ein überaus interessantes Angebot darstellt. Die Besonderheit einer „meshplate“ besteht darin, daß die Anode nicht massiv ist, sondern aus einem Geflecht (mesh) besteht. Typisch für derartige Konstruktionen ist ein sehr transparenter Klang. Nicht zu vergessen ist dabei aber die Tatsache, daß bei einer meshplate die Wärmeableitung geringer ist als bei den massiv gestalteten Anoden und sie deshalb eine um rund 25 % geringere Lebensdauer haben. Daneben darf die Heizspannung nicht unter 5 Volt fallen. Es gibt also Sinn, vor der Verwendung den Verstärkerhersteller dazu zu befragen. Wenn es paßt, dann ist die 300B-N Linlai eine klanglich wie preislich hochinteressante 300B, die auch beim längeren Hören mit geradezu magischen Klängen begeistert! Der Paarpreis liegt bei moderaten 258 €.
WE 300B
„You get what you pay“ – so gilt es in Form der aktuellen WE 300B für eine der besten 300B, die derzeit zu haben sind. Es gibt hier keinerlei Diskussionen, nicht einmal ansatzweise - bei 5 Jahren Garantie (nach Registrierung beim Hersteller) sowieso nicht. Bis zu 40.000 Stunden Betrieb sollen möglich sein, womit sich der Preis schnell relativiert. Klanglich spielt sie sofort in einer eigenen Liga. Ein enormer Reichtum an Klangfarben, verbunden mit einer superben Raumdarstellung, die durch ihre exakte Positionierung beeindruckt, geht hier kaum ein Weg daran vorbei… Die aktuellen WE300B werden in einer modernen Produktionsanlage in Rossville (Georgia, USA) auf Grundlage der ursprünglichen Vorgaben von Western Electric gefertigt. Der Paarpreis beträgt 1700 €.
Noch zu erwähnen wäre, daß es zahlreiche 300B (meist aus chinesischer Herstellung) mit dem Zusatz „WE“ von anderen Herstellern gibt – keine von diesen erreicht jedoch nach meiner Erfahrung auch nur ansatzweise die klanglichen Qualitäten des Originals. Hier ist das Marketing mit dem Kürzel „WE“ die treibende Kraft und günstig sind die „Nachbauten“ typischerweise deshalb auch nicht wirklich…!